Grenz-Echo 82. Jahrgang, Nr. 152, Seite 14, 02.07.2009
Willkommenskultur als neue Ära in der Flüchtlingsarbeit
Behörden und Bürger arbeiten eng zusammen - Schon 54 Ostbelgier unterstützen »Save me«
■ Ostbelgien/Aachen
Im vergangenen Jahr hat die Europäische Union beschlossen 10000 irakischen Flüchtlingen aus Syrien und Jordanien eine sichere Zukunftsperspektive in Europa zu geben. Vor wenigen Wochen trafen nun die ersten zehn irakischen Flüchtlinge im Rahmen dieser Aktion in Aachen ein.
Hier sollen sie eine neue Heimat finden. Seitdem arbeiten Beratungsstellen, Kirchen, Wohlfahrtsverbände und Behörden Hand in Hand, um ihnen den Start für ein Leben in Aachen zu vereinfachen.
Diese Programme der freiwilligen Neuansiedlung (in der Fachsprache Resertlement genannt) wurden vom Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (Unhcr) für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge entwickelt.
Konkrete Schritte
Am vergangenen Dienstag informierten die Beteiligten
während eines Pressegespräches über die Willkommens-
kultur in Aachen und konkrete nächste Schritte, mit denen die zehn Iraker weiterhin begleitet werden sollen. Nachdem die Europäische Union im vergangenen Jahr die Aufnahme von 10000 Flüchtlingen beschlossen hatte, entstand in Deutschland eine regelrechte Bewegung, die bislang in über 40 Städten zur Gründung der »Save me«-Kampagne führte. Auch in Aachen war dies der Fall: Inge Heck-Böckler, AI-Landesbeauftragte für politische Flüchtlinge in Nordrhein-Westfalen, trat mit der Idee an den Katholikenrat und das Netzwerk Asyl heran und gemeinsam wurde die Kampagne »Save me - Aachen sagt Ja!« gestartet.
Innerhalb kurzer Zeit entstand ein Unterstützerkreis von mittlerweile 319 Paten, darunter bislang auch 54 Ostbelgiern, wie Heck-Böckler dem Grenz-Echo gegenüber bestätigte. Entstanden ist ein »besonderes Projekt, das es in dieser Art noch nicht in Aachen gegeben hat und das von einer engen Zusammenarbeit von Stadt und Verbänden gekennzeichnet ist«, erläuterte Gerd Mertens, Geschäftsführer des Katholikenrats Aachen-Stadt. Die Menschen brauchten Hilfe, um in Aachen ein gutes Leben haben zu können, erklärte Anton Meyer, Vorsitzender des Katholikenrats in diesem Zusammenhang. Die Paten übernehmen dabei eine »Lotsen-Funktion, um den Start der Familie und den schwierigen Weg der Integration zu erleichtern«.
Mitte der vergangenen Woche fand nun das erste Paten- treffen statt, an dem über 40 Personen teilnahmen. Ziel war es, den bürgerschaftlichen Einsatz zu organisieren und zu beraten, wie die Paten weiterhin aktiv bleiben bzw. werden können. Auf dem Treffen wurden sechs Arbeitskreise gegründet, in denen zukünftig Unters tu tzungsmöglichkeiten beraten und vorbereitet werden. Das Themenspektrum der Arbeitskreise erstreckt sich über verschiedenste Aufgaben bei der Begleitung der Flüchtlinge. Dazu gehören Dolmetschen und Übersetzen, Hausaufgaben- betreuung und Begleitung der Kinder, Unterstützung von Frauen, Behördengänge, Reparaturen, Transporte, Ausflüge, Bewerbung, Jobsuche und vieles mehr. Zukünftig soll das ehrenamtliche Engagement der Paten vom Regionalen Caritasverband Aachen fachlich begleitet werden. So wird ein Stammtisch entstehen, bei dem sich die Paten einmal im Monat miteinander austauschen können. »Diese neue Willkommenskultur in Aachen soll dadurch unterstützt und ausgebaut werden«, so Meyer. Ziel ist es dabei, dieses Betreuungsnetz auch für andere Flüchtlinge zugänglich zu machen, die im Rahmen eines Asylverfahrens nach Aachen kommen und die Unterstützung genauso dringend benötigen.
Gut vorbereitet
»Wir erfahren ein völlig anderes Arbeiten mit Flüchtlingen«, zeigte sich Karl-Heinz
Kuckelkorn, Abteilungsleiter im Fachbereich Soziales und Ausländerwesen der Stadt Aachen, beim Pressegespräch über die Zusammenarbeit zwischen Behörden und den Beteiligten an der »Save me«-Kampagne ebenfalls zufrieden. Die Stadt sei gut auf die Neuankömmlinge vorbereitet gewesen. Anders als Asylsuchende erhielten die Iraker bei Ankunft gleich eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Zudem haben sie Anrecht auf eine höhere finanzielle Unterstützung und das Recht zu arbeiten. Sprachkurse wurden fast unmittelbar nach der Ankunft organisiert.
Schließlich müssen die Iraker nicht nur eine neue Sprache, sondern gleich auch neue Schriftzeichen lernen. Die vier schulpflichtigen Kinder, die sich unter den zehn Irakern befanden, kamen sogleich in entsprechende Förderklassen. »Von Beginn an gab es eine große Unterstützung durch Amnesty und den Katholikenrat«, erläuterte Kuckelkorn. Positiv sei vor allem, dass die Behörden diesmal nicht in den Verwaltungsstrukturen feststecken würden: »Deshalb können wir schnell und unkompliziert helfen.« So erhielten die Flüchtlinge kurz nach Ankunft bereits Krankenversicherungen, Pässe und auch Ausstattungsgeräte für ihre Wohnungen. »Das alles ging schneller, als wir erwartet hatten«, so Kuckelkorn.
(fabo)




