Aachener Zeitung, Nr. 150, S. 15, 02.07.2009
Verlässliche Freunde in völliger Fremde
VON MISCHA WYBORIS
Aachen. Um sie herum gab es niemanden, den sie hätte ansprechen können. Auf der trostlosen Suche nach ihresgleichen ist das junge Mädchen nur endlos vielen Bäumen begegnet. Menschen? Fehlanzeige. „Ich habe mich allein gefühlt", erinnert sich Maha Hamoud an ihre Ankunft in Ostfriesland, nachdem sie 1990 mit ihren Eltern aus dem Libanon geflüchtet war.
Fast 20 Jahre nach ihrer Flucht sieht sich die heutige RWTH-Studentin wieder mit den Ängsten, Sorgen und Nöten fliehender Menschen konfrontiert - diesmal freiwillig. Die 21-Jährige hat eine Patenschaft für vor kurzem in Aachen eingetroffene irakische Flüchtlinge übernommen. Ein Neuansiedlungsprogramm der Vereinten Nationen ermöglicht jenen zehn „besonders schutzbedürftigen" Flüchtlingen - alleinstehende Kinder, Opfer von Folter und Vergewaltigung - den Aufbau einer neuen Existenz.
Hamoud hört ihnen zu, spricht mit ihnen über banale Amtsgänge genauso wie über den strapaziösen Aufenthalt in den Flüchtlingslagern und hilft den Irakern so, in ihrer neuen Heimat Fuß zu fassen. Möglich macht diese besondere Patenschaft die bundesweite Initiative „Save me" von Amnesty International und Netzwerk Asyl, der schon mehr als 300 Aachener Paten angehören.
„So hängen wir nicht in starren Verwaltungsstrukturen fest, sondern können direkt helfen", erklärt Karl-Heinz Kuckelkorn, Abteilungsleiter im Fachbereich Soziales und Ausländerwesen: Alle Flüchtlinge haben von vornherein eine Aufenthaltsgenehmigung sowie ungekürzte Arge-Leistungen bekommen, vier der fünf Kinder befinden sich bereits in der Förderklasse der Gemeinschaftshauptschule Aretzstraße, die „Save me"-Paten helfen beim Übersetzen und Kontakteknüpfen, bei der Jobsuche und der Kinderbetreuung. „Solch ein Netzwerk von Behörden, Paten und Verbänden wünsche ich mir für alle Aachener Flüchtlinge", sagt Kuckelkorn. „Besonders schutzbedürftig" - das sei gerade einmal ein Prozent aller Flüchtlinge, erläutert Ingeborg Heck-Böckler von Amnesty International. „Das darf natürlich nicht das normale Asylrecht aushebeln", sagt sie deshalb über die Umsetzung der „Save me"-Kampagne. „Wer politisch verfolgt wird, muss auch weiterhin Asylrecht bekommen", stellt Heck-Böckler klar. Anton Meyer, Vorsitzender des Katholikenrats Aachen-Stadt, bemerkt indes „eine neue Willkommenskultur, eine neue Ära im Umgang mit Flüchtlingen".
Und wenn man Maha Hamoud zuhört, klingt das nicht vermessen. „Sie fühlen sich taub und stumm", gibt sie die ersten Emotionen der irakischen Flüchtlinge wieder. Aber sie fühlten sich eben nicht allein gelassen. „Was bei uns damals 15 Jahre gedauert hat", erinnert sich Hamoud, „kann hier in wenigen Wochen geschehen."
Das Hilfsprojekt im Internet: www.save-me-aachen.de
„Save me" sucht noch Paten und Spender
Die Initiative „Save me - Aachen sagt Ja!'" ist weiterhin auf der Suche nach Menschen, die eine Patenschaft für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge übernehmen wollen. Interessierte wenden sich an
Gerd Mertens, Tel: 4790110,
oder Ingeborg Heck- Böckler, Tel: 0032/87557927.
Spenden werden auf dem Konto mit der Nummer 511 2222 522, Bistum Aachen, Sozialbank Köln, BLZ 370 205 00, Verwendungszweck „Save me", entgegengenommen.



