Aachener Nachrichten, Nr. 304, S.15, 31.12.2009

Schwieriger Start in einem fremden Zuhause

Fünf von 371: Die "Save me"-Kampagne hat in Aachen viele Unterstützer. Von links Ingeborg Heck-Böckler, Gerd Mertens, Raimund Böckler, Maha Hamoud und Gerhard Kuhn. Sie alle kümmern sich als Paten um Flüchtlinge aus dem Irak.
Foto: Ralf Roeger

„Save me - Aachen sagt Ja": Ehrenamtliche Paten kümmern sich im Rahmen der Kampagne um 26 Flüchtlinge aus dem Irak. Ein Erfahrungsbericht.


VON MARGOT GASPER
Aachen. Jahrelang haben sie in Flüchtlingslagern in Syrien oder Jordanien gelebt. Als sie schließlich nach Deutschland kamen, da konnten sie nicht viel mehr als ein paar Erinnerungsstücke mitnehmen. 26 Menschen aus dem Irak haben seit Sommer in Aachen ein Zuhause gefunden. Sie gehören zu gut 2000 besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen, die in diesem Jahr in Deutschland aufgenommen wurden. Betreut werden die Neuankömmlinge in Aachen auch von ehrenamtlichen Paten der Kampagne „Save me - Aachen sagt Ja". „Save me" („Rette mich") fordert ein Aufnahmeprogramm für besonders schutzbedürftige Menschen aus Krisengebieten.
Mehr als 5000 Unterstützer hat „Save me" in ganz Deutschland. Allein in Aachen stehen 371 Paten hinter der Initiative. Nach München war Aachen die zweite Stadt, die sich der „Save me"-Kampagne anschloss, und die erste in NRW.
Einige der ehrenamtlichen Paten berichteten jetzt, was es heißt, den Menschen bei der Eingewöhnung in Aachen zu helfen. Die Flüchtlinge selbst müssen zunächst den fremden Alltag meistern. Öffentlich äußern möchten sie sich derzeit nicht - auch aus Angst um Angehörige im Irak.
„Save me", der Rettungsring für Flüchtlinge, wird in Aachen getragen von Amnesty International, dem Katholikenrat für die Region Aachen-Stadt, dem Netzwerk Asyl und vielen Einzelpersonen. Die Paten übernehmen bei „Save me" ganz unterschiedliche Aufgaben. Viele unterstützen die Kampagne mit ihren Namen. Auch der Stadtrat hat sich im November hinter die Forderung nach einer Aufnahme von Flüchtlingen gestellt.
Andere Paten engagieren sich in der Begleitung der Flüchtlinge vor Ort. Da gibt es den Mann, der
immer zur Stelle ist, wenn etwas repariert werden muss. Oder es gibt Paten, die Flüchtlinge zum Arzt oder zu Behörden begleiten. „Mehr als 50 unserer Paten waren bereits für die Flüchtlinge im Einsatz", bilanziert Amnesty-Sprecherin Ingeborg Heck-Böckler.
Maha Hamoud ist eine von 371 Paten in Aachen. Die 22-Jährige studiert Spanisch und Französisch. Vor 17 Jahren kam Maha Hamoud selbst als Flüchtling aus dem Libanon. Wie schwierig das neue Leben in Aachen ist, kann sie vielleicht am besten nachempfinden. Maha Hamoud spricht Arabisch, deshalb sind ihre Dienste natürlich besonders gefragt.
Die deutsche Sprache zu lernen ist für alle Flüchtlinge ein hartes Stück Arbeit. Gerhard Kuhn hat früher in der Erwachsenenbildung gearbeitet. Für „Save me" unterstützt er nun einen Vater von sechs Kindern beim Deutschlernen. „Neulich war der Mann richtig deprimiert", erzählt er, „er hatte gehofft, die neue Sprache schnell zu lernen. Jetzt zweifelt er, ob er das überhaupt schafft."
Was die Flüchtlinge durchgemacht haben, bevor sie in Aachen eine neue Heimat fanden, können die Paten nur ahnen. „Aber wir wissen, dass alle ein schweres Schicksal hatten", sagt Maha Hamoud. Viele wagen sich nur sehr vorsichtig aus dem Haus, brauchen noch viel Begleitung. „Man muss dran bleiben", beschreibt Gerd Mertens, Referent im Büro der Regionaldekane und „Save me"-Pate, seine Erfahrung. Geduld sei wichtig, Vertrauen müsse wachsen. Denn alles ist neu für die neuen Aachener: die Sprache, das Wetter, das Essen, der hektische Alltag - und die 15 Sorten Spülmittel im Supermarkt.

Kein Ersatz fürs Asylrecht

Ein Aufnahmeprogramm kann das Asylrecht nicht ergänzen. Das betonen die Aachener Träger der „Save me"-Kampagne ausdrücklich „Langfristig darf es keine Zwei-Klassen-Gesellschaft bei den Flüchtlingen geben", sagt Gerd Mertens. „Flüchtlinge nicht als Übel sehen, sondern als Gäste. Sc würde ich mir das wünschen."
Mehr als zehn Paten, die sich eigentlich für die „Save me" Kampagne gemeldet hatten, kümmern sich deshalb mittlerweile auch um Flüchtlinge, die schon länger in Deutschland leben. „Sie kümmern sich um Menschen, die nicht in den Genuss dieser Willkommenskultur gekommen sind", sagt Ingeborg Heck-Böckler.
Willkommenskultur, das kann ein Treffen mit Studenten sein, ein Bummel über den Weihnachtsmarkt oder die Teilnahme am Solidaritätslauf für Arbeitslose. Zur Willkommenskultur gehört wohl auch, den Flüchtlingen das Phänomen Öcher Karneval näher zubringen. Das dürfte eine echte Herausforderung werden...
Infos im Netz: www.save-me-aachen.de

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