Frau + Mutter (Mitgliederzeitschrift der Katholischen Frauengemeinschaft in Deutschland), 16.10.2009
Gestrandet im Niemandsland
Wie Asylsuchende den Alltag in einer Sammelunterkunft erleben
Von Carmen Molitor
Rosa kann nicht mehr. Nicht mal mehr sprechen. Ein Glas Wasser hilft. „Entschuldigung“, sagt die 31-Jährige und sammelt sich. Dann erzählt sie stockend von ihrer Flucht aus Tschetschenien und dem, was sie so aus der Fassung bringt – vom Aufenthalt in einer Sammelunterkunft für Asylsuchende in Langschoß nahe der belgischen Grenze.
Die junge Mutter stammt aus Grosny, hat den Krieg zwischen Russland und Tschetschenien erlebt, ihre Eltern verloren und ist mit ihrem Mann nach Deutschland geflohen. Die Behörden wiesen sie dem Kreis Aachen zu und brachten sie in der Sammelunterkunft Langschoß unter. Für den Übergang, wie es hieß. Die ehemalige Kaserne britischer Soldaten ist von hohen Zäunen und Stacheldraht umgeben. Sie liegt isoliert im Eifelwald, einige Kilometer von der Ortschaft Lammersdorf entfernt. Hier werden die Flüchtlinge sich selbst überlassen. Es gibt zwar einen Hausmeister, der sich kümmern soll. Aber das Haus wirkt längst nicht so gepflegt wie sein schnittiger Jaguar vor der Tür. Das Mobiliar ist zusammengewürfelt, den Schränken fehlen Scheiben. Der Teppich im Wohnzimmer ist schwarz vor Dreck, die Tapeten sind zerkratzt. Essensreste warten in der Gemeinschaftsküche darauf, dass sie jemand aus den Töpfen kratzt. Alles wirkt verlebt, kahl und unpersönlich. Vielleicht kann ein armer Staat Menschen zumuten, ein paar Nächte hier zu schlafen, wenn auf die Schnelle nichts anderes zu finden ist. Aber wir sind in Deutschland, und Rosa hat zwei Jahre hier gelebt.
In Sammelunterkünften wie dieser sind entwurzelte, oft psychisch labile Menschen Nachbarn, die Gewalt, Vertreibung oder Krieg erlebt haben. Sie verstehen meist nur mühsam, was die deutsche Bürokratie von ihnen erwartet, damit sie Asyl erhalten. Das ist nicht nur ein Sprachproblem. Immer wieder stehen sie ratlos vor einem kategorischen „Das geht aber nicht!“ der Behörden: Es geht ein Jahr lang nicht, dass Du arbeitest und selber für Deinen Unterhalt sorgst – auch wenn Du das könntest. Es kostet eine Geldstrafe, wenn Du ohne teure Genehmigung den Wirkungskreis der für dich zuständigen Ausländerbehörde, z.B. den Landkreis verlässt. Du kannst nicht einfach aus dem Flüchtlingsheim in eine Wohnung umziehen, selbst wenn der Staat dadurch im Monat 200 Euro sparen würde. Auf die Frage, welchen Sinn das hat, gibt niemand eine vernünftige Antwort. Deshalb stellt man sie nach einiger Zeit gar nicht mehr und hofft darauf, schnell Asyl zu bekommen.
Doch die Verfahren ziehen sich, und oft besteht jahrelang völlige Unklarheit darüber, ob man dauerhaft in Deutschland bleiben kann. Der Frust darüber und über die endlose Langeweile entlädt sich in den Heimen. In Langschoß eskalierte ein Streit zwischen Rosa und ihrer Familie und einem jungen afrikanischen Nachbarn bis hin zur Schlägerei. Der junge Afrikaner feierte mit Besuchern lautstark die Nächte durch und reagierte auf kein Bitten, doch auf den Schlaf von Rosas Sohn Rücksicht zu nehmen. Rosa entzogen der ewige nächtliche Lärm und der nachbarliche Kleinkrieg alle Kraft. Sie bekam psychische Probleme und besorgte sich ein ärztliches Attest, damit die Behörden einem Umzug zustimmen. „In dem Heim wohnten außer uns nur junge, alleinstehende Männer“, erzählt die Frau aus Grosny. „Vielleicht wäre da mehr Ordnung gewesen, wenn mehr Familien dort gelebt hätten.“ Die Tage in Langschoß waren lang. Rosa beschäftigte sich mit Kochen, aufräumen, spielte mit dem Sohn, ging spazieren. Ihr Mann suchte Arbeit, doch er fand keine, weil die Busanbindung vom Heim so schlecht ist. „Der letzte Bus kommt hier um 15 Uhr “, erzählt Rosa.
Es gibt im Kreis Aachen einige ehrenamtliche Initiativen, die sich um Menschen wie Rosa kümmern. So betreibt eine Gruppe von Frauen seit 1994 im Pfarrheim St. Josef von Monschau-Imgenbroich das Café International, einen Treffpunkt für Asylsuchende und Deutsche. Initiatorin Inge Theißen begann ihr Engagement Anfang der 90er, als in einer Sammelunterkunft in der Nähe viele Afrikaner unter üblen Bedingungen untergebracht waren. „Wir waren Afrikaner hier nicht gewohnt und guckten sie, glaube ich, alle ziemlich komisch an“, erzählt sie lächelnd. Als die Pfarrei ein Fest unter dem Motto: „Nicht ohne dich und mich“ feierte, sprach Theißen beim Pastor vor, damit die Flüchtlinge eingeladen wurden. Das war der Beginn ihres Engagements, das nicht immer leicht war. Denn bald gab es ernste ausländerfeindliche Angriffe gegen die Unterkunft der Afrikaner, und die Initiative stellte sich dagegen.
Heute sind hier viel weniger Asylsuchende untergebracht, die schlimmsten Sammelunterkünfte schlossen oder werden nicht mehr so stark belegt wie früher. Doch das Café International öffnet weiter – und ist nicht nur Treffpunkt von bis zu 30 Zuwanderern und Deutschen, sondern bietet auch Hausaufgabenhilfe, Beratung bei Behördengängen, Deutsch- kurse, Altkleiderausgabe und gemeinsames Kochen. „Es ist ein bisschen wie bei einer großen Familie“, berichtet Ehrenamtlerin Gisela Bongard.
Auch Rosa mit ihrem Mann und ihrem Sohn Ibrahim gehören dazu. Ihre Zukunft sieht wieder etwas rosiger aus, seit eine Helferin der „Tafel“, die ihr kostenlose Lebensmittelspenden nach Langschoß brachte, sich energisch dafür einsetzte, dass die verzweifelte Familie nun doch umziehen durfte. Heute wird Luise Kube, eine ehemalige Flüchtlingsberaterin der Caritas im Ruhestand, Rosa nach dem Besuch im Café International ein letztes Mal nach Langschoß fahren. Seit Jahren versuchen Kube und ihre Mitstreiterinnen zu bewirken, dass sich die Situation in den Heimen ändert – oder sie ganz zugemacht werden. „Absolut integrationsfeindlich sind die“, findet Luise Kube.
Mandina, ebenfalls aus Tschetschenien geflohen, ist Stammgast im Café International und versteht gut, was Rosa bewegt. Sie selber hat jahrelang in Sammelunterkünften gelebt und wurde depressiv. Erst wohnte sie im Kreis Bielefeld, wo sie hochschwanger mit ihrem Mann und ihrer ersten Tochter in ein einziges Zimmer einzog. „Das Heim war eine Katastrophe“, berichtet sie. Der Mann flippte aus, terrorisierte seine Familie. Solange, bis Mandina mit ihren kleinen Töchtern nach anderthalb Jahren in ein Frauenhaus floh und sich von ihm trennte. Dann zog sie in ein Heim in Monschau um. Ein Zimmer von neun Quadratmetern gestand man der Familie zu.
„Die beiden Kinder haben im Bett geschlafen und ich auf dem Boden“, berichtet Mandina. Trotzdem war sie glücklich, sagt sie. „Für mich war es nicht so schlimm, eng zu wohnen als mit der Angst leben, dass mein Mann nachts nach Hause kommt.“ Es war nicht leicht: „Manchmal haben wir am Tisch etwas gebastelt, aber wir konnten das ja nie irgendwo hin-
stellen, um später daran weiterzuarbeiten, es gab ja keinen Platz.“ Nicht den Mut verlieren, dachte sie, ein paar Jahre, dann kommt eine bessere Zeit.
Rosa hält sich an Mandinas Geschichte fest. Die hat es geschafft, erhielt inzwischen ihre Papiere, fand einen Arbeit in einem Ein-Euro-Geschäft und eine Wohnung. Bald will Rosa das auch von sich sagen können. Schweigend sucht sie noch einige Habseligkeiten aus den beiden Zimmern in der Sammelunterkunft zusammen, wo sie zwei Jahre ihres Lebens vergeudet hat. Es ist niemand im Haus. Sie legt den Zimmerschlüssel auf den Tisch und geht.
Eine neue Willkommenskultur - „Save me“-Kampagne: Paten helfen Flüchtlingen
bei Integration
Eine neue Willkommenskultur für Flüchtlinge in Deutschland will die Kampagne „Save me – eine Stadt sagt ja“ anregen. Sie stellt Asylsuchenden ehrenamtliche Patinnen und Paten an die Seite, die mit ganz alltäglichen Gesten und Hilfen dazu beitragen, dass sich die Zugewanderten integrieren können. Dahinter steht ein breites Bündnis von Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen.
Die Initiative entstand Ende 2008, als sich Europa auf Bitten des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) dazu bereit erklärte, 10.000 besonders schutzbedürftige irakische Flüchtlinge aus Lagern in Syrien und Jordanien, darunter zahlreiche chaldäische Christinnen und Christen, freiwillig aufzunehmen. Deutschland gewährt 2500 Irakerinnen und Irakern Asyl und beteiligt sich damit erstmals am sogenannten Wiederansiedlungsprogramm, das die dauerhafte Umsiedlung von Flüchtlingen im Blick hat, die wegen ihrer Religionszugehörigkeit, wegen schwerer Krankheit oder anderer Belastungen auf absehbare Zeit nicht in ihre Heimat zurückkehren können.
Die Kampagne „Save me“ (Rette mich) verfolgt zur Zeit das Ziel, die irakischen Flüchtlinge bestmöglich in die Gesellschaft zu integrieren und durch Engagement von unten Deutschland dazu zu bewegen, das Flüchtlingshilfswerk dauerhaft bei seinen Wiederansiedlungsprogrammen auch für Menschen aus anderen Gegenden der Welt zu unterstützen. Bislang beteiligen sich Gruppen in mehr als 40 Städten von Aachen bis Ulm, Tendenz steigend.
Allein bei der Kampagne „Save me – Aachen sagt ja“ meldeten sich 330 Patinnen und Paten, die bereit sind, ihre Unterstützung für die irakischen Flüchtlinge im Internet zu bekennen und ihnen mit Hilfsangeboten von Hausaufgabenbetreuung bis hin zu gemeinsamen Fußball- oder Kickerspielen oder Begleitung zum Arzt anbieten. Zum ersten Patentreffen kamen 40 Personen. „Ich finde das enorm“, freut sich die Organisatorin von Save me-Aachen, Ingeborg Heck-Böckler, Landesbeauftragte NRW für politische Flüchtlinge bei Amnesty International. „Was mich daran besonders freut, ist, dass alle Alterschichten vom Schüler bis zur Seniorin und alle Berufsgruppen mitmachen.“ Dieses Engagement gehe über den Kreis der „üblichen Engagierten“ der Flüchtlingshilfe weit hinaus.
In Aachen sind mittlerweile 20 irakische Flüchtlinge untergebracht, zwölf davon chaldäische Christen und acht Muslime. Nicht nur sie sollten etwas von der großen Hilfsbereitschaft der Save-me-Aktivisten spüren, findet Heck-Böckler. „Wir wollen versuchen, die Aktion auszuweiten und die Flüchtlinge nicht in ‚Flüchtlinge de luxe’ und andere aufzuspalten. Es soll hier für alle leichter und einfacher werden.“ Von der neuen Willkommenskultur könnte so auch etwas auf die anderen Asylsuchenden überschwappen, hofft sie. cm



