Aachener Nachrichten, Nr. 176, Seite 18, 31.07.2010

Der Klenkes, die Quellen und der Teufel

Ehemalige Flüchtlinge und Paten der Save-me-Kampagne lernen die Stadt Aachen kennen. Dabei vergleichen sie die Sagen der Domstadt mit Erinnerungen aus der Heimat. Ein junger Iraker hält die Führung mit der Kamera fest – für einen Dokumentarfilm.

Von Sarah Sillius 

Aachen. Osamas Video-Kamera ist auf das Klenkes-Denkmal gerichtet, dann schwenkt sie auf die bunt gemischte Gruppe, die daneben steht. Es ist ein fröhliches Bild, das sich dem jungen Mann hinter der Kamera, aber auch den vorbeigehenden Passanten bietet. Rund 20 Menschen verschiedener Kulturen und Altersklassen haben sich zusammengefunden, um die Stadt Aachen einmal mit den Augen anderer zu sehen.


Es ist eine der vielen Aktionen, die im Rahmen der Save-me-Kampagne stattfinden (wir berichteten). Ehemalige Flüchtlinge, die in Aachen leben, und ihre Paten, lauschen den Worten von Jürgen Jansen. Der ist auch Pate, außerdem Politikwissenschaftler und einer, der über Aachen so manch eine Geschichte zu erzählen weiß.


An der Stadtführung nehmen auch einige Leute teil, die zum ersten Mal bei einer der Aktionen dabei sind, um einen Eindruck von „Save me“ zu gewinnen. Das freut Ingeborg Heck-Böckler, Sprecherin von Amnesty International in Aachen und eine der Hauptakteure der Kampagne vor Ort. Ihr ist es wichtig, dass der Einsatz für die Flüchtlinge nicht abreißt. 
Der 20-jährige Osama G. und sein zwei Jahre älterer Bruder Ali G. sind zwei von 28 irakischen Flüchtlingen, die in Aachen eine neue Heimat gefunden haben, und zwei von 2500 besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen, die innerhalb des letzten Jahres in Deutschland aufgenommen wurden. „Das soll unser eigener Dokumentarfilm werden“, erklärt Maha Hamoud, weshalb Osama diesen Tag mit der Kamera begleitet.


Film über das Flüchtlingsleben


Maha stammt aus dem Libanon, lebt aber schon lange in Deutschland und engagiert sich mit großer Leidenschaft für Amnesty und „Save me“. Mit dem Film wollen die jungen Leute ihre persönlichen Erfahrungen als Flüchtlinge wiedergeben und die vergangenen Monate festhalten: Aktionen wie diese, aber auch ganz normale Alltagssituationen und Gespräche mit ihren Eltern. Darüber, wie sie die Flucht erfahren haben. „Es wird ein lustiger und trauriger Film zugleich“, kündigt Maha an.


Osama richtet die Kamera auf eine Wasserquelle am Elisenbrunnen. Hier hat Jürgen Jansen den nächsten Halt gemacht. „Gibt es in eurer Heimat nicht auch heiße Quellen?“, richtet Ingeborg Heck-Böckler die Frage an die jungen Leute. „Ja, die gibt es auch im Libanon, da heißt es zum Beispiel, das Wasser verspreche Fruchtbarkeit“, erzählt Maha und Ali berichtet von den Quellen im Norden des Irak: „Da gehen sehr viele Menschen hin, um zu baden.“


Am Geldbrunnen vorbei – Osama springt für die perfekten Filmaufnahmen kurz ins kühle Nass - führt es die Gruppe zum Aachener Dom. Natürlich darf die Geschichte über Teufel, Wolf und Lousberg nicht fehlen. Ähnliche Legenden kennen Ali und Osama aus ihrer Heimat. „Bei uns heißt der Teufel ‚Scheitan‘“, erzählt Ali. „Wenn man schlechte Sachen sagt oder sich streitet, sagt man immer: Das war der ‚Scheitan‘ Schuld, der in meinem Kopf sitzt.“


Vom Dom aus führt der Weg zum Katschhof und zum Karlsgraben. Das Rathaus ist die letzte Station. Von dort geht es zum gemeinsamen Essen, für das die Teilnehmer ein internationales Büffet zusammengestellt haben. In gemütlicher Runde klingt der Tag aus. Ein Tag, der mit den Augen anderer gesehen wurde und der vor allem von der Vielfalt und dem Miteinander der Kulturen lebte. Wie die ehemaligen Flüchtlinge dieses Erlebnis wahrgenommen haben, wird ihr Film zeigen. Im Rahmen der interkulturellen Woche im Herbst wollen sie ihn in den Räumen der Evangelischen Studierendengemeinde (EGS), Nizzaallee 20, zeigen.

 

Zwei Fragen an

 „Weiterhin einsetzen“
Ingeborg Heck-Böckler Sprecherin von Amnesty in Aachen

Gibt es bestimmte Flüchtlingsgruppen, für die sie sich zurzeit einsetzen? Heck-Böckler: Ja, zum Beispiel engagieren wir uns für Flüchtlingsfrauen im Tschad und für iranische Flüchtlinge, die in der Türkei festsitzen. Das sind Intellektuelle, die nach der umstrittenen Wahl im Iran dorthin geflohen sind und schlimme Schicksale hinter sich haben. Deutschland hat sich zwar bereiterklärt, 20 von den 100 aufzunehmen, doch der Prozess dauert sehr lange. Wenn es ein festes Resettlement-Programm geben würde, könnte man ihnen viel schneller helfen. Deshalb kämpfen wir weiterhin darum.

 
Sie haben die NRW-Landtagskandidaten vor der Wahl in einen Brief um Stellungnahmen zum Resettlement-Programm gebeten. Wie war die Resonanz? Heck-Böckler: Aus Düsseldorf haben alle Fraktionen Stellung genommen, aus Aachen leider nicht. Das ist sehr schade, weil es hier doch eigentlich einen einstimmigen Stadtratsbeschluss gegeben hat. Dies sollte aber nicht nur ein Lippenbekenntnis bleiben, sondern auch in der Praxis konsequent umgesetzt werden. Dafür sind die Menschenleben einfach zu wichtig.


Die bundesweite Save-me-Kampagne und ihre Unterstützer in Aachen

Die deutschlandweite Save-me-Kampagne ist ein Bündnis aus über 60 verschiedenen Organisationen und vielen Einzelpersonen, deren Ziel es ist, Flüchtlinge bei der Ankunft in Deutschland unterstützend zu begleiten.


Gleichzeitig will man die Politik dafür gewinnen, jährlich ein bestimmtes Kontingent von besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen aufzunehmen und dauerhaft zu integrieren (Resettlement genannt). Heute gibt es ein funktionierendes und wachsendes Netzwerk von rund 50 lokalen Save-me-Kampagnen. 


In Aachen schlossen sich nach dem einstimmigen Stadtratsbeschluss im November 2008 Verantwortliche der Stadt und Initiatoren zu der Kampagne zusammen. Amnesty und der Katholikenrat Aachen-Stadt/Netzwerk Asyl unterstützen die Kampagne vor Ort.

 
Mittlerweile haben sich über 400 Paten auf der Internetseite eingetragen und damit ein politisches Signal gesetzt. 50 von ihnen unterstützen die Flüchtlinge aktiv bei ihrer Integration.


Bei gemeinsamen Treffen beraten sich die Vertreter der Kampagnen verschiedener NRW-Städte, wie sie sich weiter engagieren können. Das nächste Treffen findet am 22. Oktober in Düsseldorf statt. Für das Treffen danach liegt eine Einladung aus Krefeld vor. Dort wird die Kampagne voraussichtlich am 15. Oktober an den Start gehen.


Weitere Infos zur Kampagne unter www.save-me-aachen.de

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